Reformation in Görlitz: Infos, Lektüre und Wissen, was geschah

Ketzerhaus, März 2017 Mitteldeutscher Verlag

Die Wahrheit in der Dichtung

Ich habe mich um die Wiedergabe von belegbaren Fakten bemüht, um ein Bild von den reformatorischen Zügen unserer Heimat zu zeichnen. Dort, wo mir Quellenmaterial fehlt, bleibt Spielraum für das Belletristische.

Das einzige nachweisliche Empfehlungsschreiben an einen Görlitzer Studenten aus Martin Luthers Feder wurde für Andres Hinterthur ausgestellt, welches er 1541 aus Wittenberg mit nach Görlitz gebracht hatte. Was bedeutet, dass er Eindruck bei seinem Professor hinterlassen haben dürfte. Aus Dr. Martin Luthers Briefen, Sendschreiben und Bedenken, Band 5: An den Rat zu Görlitz: Empfehlungen eines Görlitzer Studierenden, Andre(a)s Hinterthu(e)r, zur Unterstützung in seinen Studien. 5.Juli.1541. Es hat mich Andreas Hinterthür, Euer Stadtkind, gebeten, an Euch zu schreiben und zu bitten, dass Ihr wolltet ihm hülflich sein zu seinem Studio, denn ers für Armut nicht vermag zu vollführen…, dass ihr wohl sicher seid, was ihr an ihm wendet [habt], dass solches alles Gotte zum gefälligen Opfer gegeben wird, welcher muss (was sein lieber Sohn uns sagt) Arbeiter in seiner Ernte haben, die ist fürwahr groß und der Arbeiter wenig. Hiermit dem lieben Gott befohlen, Amen. Dienstag nach Ulrici, 1541. Martinus Luther.

Andres Hinterthur konnte ich in den Codex Diplomaticus Lusitiae superioris nicht ausfindig machen. Das Original liegt in der Kirchenbibliothek Landshut.

Man mag mir vergeben, dass ich den Schwertfeger Paul Vollegell zum Vorbild für die Figur des Christian Vollhardt nahm. Die Umstände, unter denen Paul Vollegell Görlitz verließ, sind so verlockend gewesen, dass ich nicht widerstehen konnte, ihn einzubeziehen: Im Codex diplomaticus lesen wir über ihn unter 100.18:

Paul Vollegell ist heimlich mit weib und kinde und allem baurote von hinnen gezogen, sich nie entbrochen (?) ist auch dem Rate Zins und sust leuten schuldig blieben, hat inen auch etzliche klingen mitgenommen und sich gen der Zittau gesatzt, die sie ohne Briefe aufgenommen haben, Actum (Tag fehlt) post Martini 1521 [am Rande] Hat sich vom Rate entbrechen ufer 3. post Conceptionis Mariae [Dezember 9] 1522

            Und unter 92. 16:

schwertfeger 3 sol. ist heimlich von hinnen gezogen, dem rate zinse, auch sonst leuten schudlig blieben, uns sich zur Zittau nieder gelassen 1521 im sterben

Über das Sterben (Pest) von 1521: Jecht: Gesch. d. Stdt. Görlitz I, S. 275

Martin Luther und Görlitz

Zugegeben: Mir ist es nicht gelungen, herauszufinden, auf welchem Wege die fünfundneunzig Thesen nach Görlitz gelangt sind, wie aus großer Scham schweigen die Annalen und Kurbücher zu diesem Aspekt der Begebenheiten. Weil nicht offiziell geduldet, findet sich über den schrittweisen Einzug des Protestantismus in Görlitz nur sehr wenig. Die Kirchenbücher beginnen erst 1567.

Wir wissen aus 1517 von drei Wittenberger Studenten, 1518 sind es acht (wenn man Trotzendorf hinzuzählt), 1520 drei. Es gab also durchaus Verbindungen zur lutherischen Lehre. Von ihren Betätigungsfeldern während der entscheidenden Jahre ist allerdings nichts zu finden.

Darauf, dass die Thesen bereits noch im Jahre 1517 nach Görlitz gelangt sein müssen, lassen der steigende Druck auf die Kirche und die steigenden Konflikte zwischen Rat und Kirche schließen. Außerdem war Görlitz einer der erklecklichsten Handelsknotenpunkte: Hier lassen sich Thüringische Vertreter nieder. Drucksachen werden nachweislich eingeführt. Die Schwarze Kunst wird die Verbündete der Reformation. Selbst die ins Kloster gepilgerten fremden Mönche brachten die Kunde vom Ketzer Luther in die Stadt. Sogar Stadtrat Haß gibt zu, dass Luther und seine Anhänger nicht müde geworden waren, die neuen Gedanken der anderen durch den Druck zugänglich zu machen (Ann. 1519). Darüber hinaus sind die Archive voll von Flugschriften, die sicherlich nicht erst Jahrzehnte später hierher gelangt waren.

Jahre zuvor war Görlitz genau wie Luther in Person mit den Missständen der Kirche konfrontiert worden: Johannes Tetzel hat hier zweimal Ablass gepredigt (1490 und 1501), ein drittes Gesuch einer Predigterlaubnis von 1508 wurde abgelehnt, weil der Rat sehr wohl verstanden hatte, dass das Schröpfen den Einwohnern nicht gut tat und Kritik an der bestehenden Kirchenordnung provozierte. Die außergewöhnlich hohen Abgaben der sehr frommen Stadt Görlitz für Kirchenämter und kirchliche Handlungen nährten nicht selten glühende Streitigkeiten. Die Bannbulle gegen Luther wurde im Februarius 1520 an die Görlitzer Peterskirche angeschlagen.

„Die Görlitzer Reformation ist nicht das Werk eines Fürsten oder einer Stadtobrigkeit, auch nicht die Tat eines einzelnen …, sondern vielmehr allmählich aus der Einwohnerschaft selbst unter Mitwirkung der Führung einiger evangelisch gesinnter Prediger erwachsen.“ (Pufe, 1925).

Es gibt einen Ort in der Nähe von Görlitz, den wir „Luthersteig“ nennen. Es ist der Flusssteig über die Schanze Richtung Kunnersdorf (Brückner). Als Visitator habe Luther auf der Kanzel der Bischdorfer Kirche gepredigt. Nicht auszuschließen ist, dass Luther auch in die Sechsstadt kam, zumal hier durch Georg Emmerich das Heilige Grab von Jerusalem nach Originalmaßen erbaut worden war und das dem Kritiker sicherlich ein Anziehungspunkt gewesen sein mochte.

In den Görlitzer Ratsannalen ist davon die Rede, dass sich „im (Jahr) 1521 um den Tag Magdalene“ (22.07.) die „Plag der Pestilenz … in der Krebsgasse und folgend … sich verbreitet“ habe und deshalb „die edelsten Herren und viel Volk ausgezogen seien … Am Tage Sixti bin ich [Schreiber Haß] mit meinem Gesindelein und Weibe und Kindern auch davon gezogen.] In derselben Zeit habe der Pfarrer Rothbart, Nachfolger des Faber, die lutherische Lehre offiziell verbreitet. Bei Pastor Albrecht Zobel liest man: Die Jahre 1519 bis 1521 zeigen ebenso wenig eine nach außen bemerkbare Änderung. Die Priesterzinsen werden überhaupt nicht erwähnt.

Der letzte katholische Pleban der Stadt war Martin Faber.

Sehr lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich Martin Luther als Figur im Roman eine Stimme geben sollte. Als ich mich dafür entschied, damit die Geschichte lebendiger und glaubhafter wirkt, habe ich darauf Wert gelegt, ihm kein Wort in den Mund zu legen, das er nicht auch wirklich gesagt hat, bzw., die nicht als indirekte Zitate aus seinem Munde in Sekundärquellen wieder gegeben worden sind.

Luther, von seinen Kommilitonen liebevoll Philosoph genannt, war ein Kirchengehorsamer, kein Revolutionär. Er wollte einen Disput über Sinn und Unsinn des Ablasses herbeiführen, ihn nicht vehement abschaffen. Solche Disputationen waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel, als Mittel der Wahrheitsfindung.

Was ist aber die Wahrheit bezüglich des Thesenanschlages?

Anzunehmen ist, dass die 95 Thesen Mitte November in Latein (von Luther selbst?) an Luthers engste Nürnberger und Erfurter Freunde verschickt wurden. Die Forschung geht seit den 1950ern der Frage nach, ob die Thesen überhaupt und wenn ja, von wem, an die Wittenberger Schlosskirchentür gehängt worden waren. Auf jeden Falls hat Martin Luther am 31.10.1517 ein und denselben Brief an den Erzbischof Albrecht von Hohenzollern und den Brandenburger Bischof Hieronymus Schulze geschickt. Sie sollten ihre Instruktionen den Tetzel’schen Ablasshandel betreffend überdenken und wenn möglich stoppen. Luther untermauerte seine höfliche Bitte mit 95 Bekräftigungen.

„Es gibt von Luther selbst kein einziges wörtliches Indiz für einen Thesenanschlag an die Schlosskirchentür“ (Iserloh). Warum sollte ein Theologe ein so anschauliches Ereignis verschweigen? Doch nur, wenn es sich gar nicht zugetragen hat, sondern eine Versinnbildlichung ist.

Einvernehmlich ist sich die Forschung darüber einig, dass Luther sich mit den Thesen nicht an die Öffentlichkeit begeben wollte, deshalb ist der Thesenanschlag zumindest mit Hammer und Nagel von seiner Hand, auszuschließen.

Seine Predigten gegen Ablässe sind legendär, obschon nur rudimentäre Mitschriften existieren. Für Luther war der Ablasshandel eine „ständige Infragestellung der ganzen christlichen Existenz“ (Wendelborn, 69). Luthers Thesen sind weder ausgeglichen [Wendelborn], noch zeigen sie eindeutige Pro- oder Contra-Tendenzen und werden im Verlaufe immer aggressiver.

Bereits im Jenner 1518 wurden sie ins Deutsche übertragen und im selben Monat in gedruckter Buchform verbreitet. Gutenbergs Erfindung des Hochdruckes mit beweglichen Lettern machte diese rasende Publikation möglich.

Da die Lausitz – das ist ihrem Zeitgeschehen zuzuschreiben – schon immer recht tolerant war, was religiöse Fragen betraf, konnte sich Luthers Verständnis des Evangeliums schnell verbreiten. Es gab Widerstand von adeliger Seite, dem es freilich besser ging mit den Ablässen und der Gottesangst, die sich durch Martin Luthers etwas anderem Verständnis von Gottesgnade in Gottesgüte verkehrte. Die mittelalterliche unermessliche Furcht vor Gott als den Strafenden, den Pantokratos, dem vernichtenden, herrschenden Christus, wurde nun nach und nach abgelegt. (Luthers Gottesangst wurde in seinen Mönchsjahren nur noch größer.) Da auf Gottesfurcht gebaut wurde, standen die Neuerungen dem Adel relativ schlecht.

Die meisten Wendungen der Thesen waren eher spröde, einige Wendungen aber zündeten sofort und ergriffen eine breite Masse der deutschen Bevölkerung aller Schichten. Hätte das Deutsche Reich nicht in einer Krise gesteckt, hätten die Luther’schen Ideen nicht solch großen Anklang gefunden. Beispielsweise hatte das Feudalwesen seinen Zenit überschritten, die Bauern und Häusler wollten ausbrechen aus den unfreien Verhältnissen. Luther wurde bald zum Helden stilisiert – was er selbst gar nicht beabsichtigt hatte und auch ablehnte.

Luther erfand keine neue Kirche. Das ist das Missverständnis. Vielmehr verstand sich Luther bis zum letzten Atemzug als frommer Katholik, der der Kirche als Institution, nicht aber dem Christentum, den strengen Zeigefinger wieder herunterbog. Blitzschlag und Gottes Zorn hin oder her. Martin Luther fühlte sich, psychologisch betrachtet, in dem Moment wohl und lebensfähig, als er während des Studiums der Gnadentheologie seines Ordenspatrons Augustinus erkannte, dass Gott allein die Menschen rettet anstelle des Ablasses und keuschen Lebens im Zölibat. Das war die zündende Erkenntnis und Luther fühlte sich wie „im falschen Film“, wenn er um sich schaute und ein Johannes Tetzel Ablassbriefe an Leute verkaufen sah.

 

 

 

Die Oberlausitzer Bierfehde

 

Aufgrund der Unreinheit von Fluss und Brunnenwasser war das Bierbrauen Usus. Jeder Bürger durfte brauen, allerdings nur für den Hausgebrauch. Für den öffentlichen Ausschank gab es ein festes und strenges Reglement. König Mathias Corvinus belegte 1489 den Ausschank fremden Biers außerhalb des Bierbannkreises um Görlitz (ein etwa 20 Kilometer fassender Ring) mit hohen Strafen. So kam es zum Bierstreit zwischen Görlitz und Zittau.

Für mein Heimatdorf hat der Bierstreit eine tragende Bedeutung, denn hierher nach Horka wurden am 4.5.1490 zwölf Reiter und 30 Fußknechte entsandt, um das verbotenerweise ausgeschenkte Kamenzer Bier beschlagnahmten. Der Kretschmar wurde einen Monat lang eingesperrt. In den nächsten Wochen traf es viele Schankwirte. Es kam zu einem richtigen Bierkrieg mit Verletzten und Toten und hohen Sachschäden, von dem sich selten eine Schänke erholte. Caspar Weber aus Horka trug ein Spottlied bezüglich des Biergesetztes in Görlitz vor und wurde auf richterlichen Entscheid öffentlich verprügelt. Es gibt noch heute Ortsteile, die, wie die sog. Bierpfütze zwischen Ostritz und Rosenthal, an die Übergriffe erinnern.

 

Für den Nachvollzug u.a.

Bahlcke, Joachim (Hrsg.): Geschichte der Oberlausitz. Herrschaft, Gesellschaft und Kultur vom Mittelalter bis zum Ende des 20.Jh. Leipzig 2004; Beutel, Albrecht, Dr.: Martin Luther. Die Kraft des Wortes. In: DAMALS. Magazin für Kultur und Geschichte. 3/2004; Brückner, Christian Daniel: Fortgesetzte Berichtigung einiger unrichtig erklärten Denkmäler in Görlitz. Am Schluss des Jahres 1827; Friedemann-Soller, Margarete: Die Münchner Handschriften der biblia pauperum, Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde, Erfurt 1921; Giese, Gottlieb Christian: Kurze Nachricht von dem Katechismus-Zustande vor / nach der Reformation in der Oberlausitz, 1817 – 1820; Grundmann, Hannegreth: Gratia Christi. Die theologische Begründung des Ablasses durch Jakobus Latomus in der Kontroverse mit Luther, Wuppertal 2008; Jecht, Richard: Geschichte der Stadt Görlitz, 2 Bdd. Görlitz 1927–1934; Knaut, Christian: Manuscripta / Reformationsgeschichte der Stadt Görlitz, 1520; Landesamt Wittenberger Vorfläming und Zahnabachtal für Umweltschutz Sachsen-Anhalt 1999

Laube, Adolf: Flugschriften der frühen Reformatorischen Bewegungen Bd. I (1518-1524), Berlin 1983; Luther, Martin: Schriften. Stuttgart 1983; Mehner, U. M., Geschichte der Stadt Wittenberg, Dessau 1845; Neumann, Johann Gotthelf (Hrsg) Neues Lausitzisches Magazin. IV Bd., 1825, S. 176 ff.; Palacky, Franticek: Geschichte von Böhmen, 1844–1857; Pufe, Johann Christoph: Beiträge zur Reformation, Geschichte der Stadt Görlitz, 1822; Wendelborn, Gert: Leben und reformatorisches Werk. Berlin 1983; Zobel, Alfred: Untersuchungen über die Anfänge der Reformation in Görlitz und der preußischen Oberlausitz, 1820

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